Brauchtum und Alltag

Speis und Trank:


Hails Goticum! Skapja matjan jah drinkan!“ „Heil ihr Goten! Schaffe zu essen und zu trinken!“ De conviviis barbarorum, Anfang eines Spottgedichtes von einem unbekannten römischen Dichter.





Wie vieles bei den germanischen Stämmen erregt das Wort „Esskultur“ zutiefst die Fantasie des Betrachters. Volle Methörner, ein auf dem Feuer drehendes Schwein, rülpsende Männer und derbe Männergesänge! Gerne wird es heute in Film und Fest heute noch so dargestellt.
In der Geschichtsvermittlung lebt die germanische Esskultur ein Schattendasein – ganz im Gegensatz zur römischen „Essdarstellung“. Die einen entsprechen dem Klischee, die andere präsentieren Fantasiespeisen, moderne Zutaten die altertümlich wirken sollen, moderne Agrarprodukte oder gar „Kochbücher“. Zwischen all dieser Einfachheit geht das bisschen an gesicherten Quellen verloren. Wie immer stellen wir an erster Stelle die Frage nach jenen Quellen. Und da kommen wir wieder auf unsere drei Säulen: Schriftquellen, archäologische Quellen und Bildquellen.
Zum Thema Essen sind unsere Bildquellen sehr gering. Unsere archäologischen Quellen sind dafür reichlich. ABER wir reden von „Esskultur“. Wenn Knochen von Kälber gefunden wurden, so wissen wir, daß Kälbergehalten und gegessen wurden. Doch daraus entsteht noch keine Kultur. Solche Informationen gelten für uns als „landwirtschaftliche Funde“. Zur Esskultur gehört: Was hat man wie und wann gegessen?


Um ein Gesamtbild zu vermitteln werden wir die Quellen von den antiken römischen Autoren bis in die Wikingerzeit verfolgen. Selbstverständlich werden wir einen besonderen Blick auf die Völkerwanderung und die Merowingerzeit werfen.

Trinkkultur

„Da sie bis spät in die Nacht hinein zechen, schlafen sie bis spät in den Tag. Gleich nach dem Erwachen wird gebadet, und zwar während der Kälte warm. Nach dem Bade folgt das Frühstück, das jeder an gesondertem Tisch einnimmt.“  C.Tacitus  berichtet hier in seiner Germania wahrscheinlich von einer Familie aus der oberen Schicht, da sich Bauern nicht unbedingt so einen Lebensstil leisten könnten.  Seinen Ausführungen nach ist das Leben der Germanen nicht unbedingt durch Arbeit gekennzeichnet; Kämpfen, spielen und zechen sind Lieblingsbeschäftigung.
Hier scheint sich ein Klischee zu bestätigen!  Weiter bei Tacitus: „Das Gelage, das oft im Rausch endet (…)“ Also waren die Germanen Trunkenbolde?  Bedingt. Man muß sich eines klar machen: Alkohol war :
1. Kein Alltagsgetränk
2. Hauptsächlich zu Kult-und Festzwecke gedacht und der Rausch wurde als göttliche Verbindung gesehen
3. Nicht pasteurisiert  und ungefiltert. Solche alkoholische Getränke wirken in höherem Maße berauschend
4.  Nicht lange haltbar, da es schal und sauer wurde.

Wenn man diese Punkte bedenkt und den gebildet-antiken Standpunkt des Tacitus versteht man wenn er  weiter ausführt: „ Dem Durst gegenüber zeigen sie nicht die gleiche Mäßigung.“
Alkohol, hauptsächlich Bier, wurde also für bestimmte Zwecke in großen Mengen gebraut. Für die Gäste war es selbstverständlich Ehrensache, daß man des Gastgebers Gebräu leert. Aus dem schwedischen Mittelalter gibt es eine witzige Anekdote:  Germanische Trinkbräuche waren in Schweden noch lange lebendig. Als einmal ein Gast zu einem Fest kam, bemerkte er, daß das Bier der Hausherrin nicht seinem Geschmack entsprach. Immer wieder schüttete er das Bier weg und um den Gastgeber nicht zu beleidigen, lag er am Ende des Festes auf dem Boden und lallte – stocknüchtern.
Daß die Germanen und Alamannen Bier tranken wissen wir aus Quellen und Funden.
„Als Getränk dient ein Naß aus Gerste oder anderem Getreide, durch Gärung in eine gewisse Ähnlichkeit mit Wein verdorben.
Hauptfrucht bei der alam. Landwirtschaft war das Getreide und davon hatte Gerste den größten Anteil (z.b. Lauchheim, Mühlheim). Daraus ergibt sich, daß Bier das Hauptgetränk  war. Im Grab von Oberflacht wurden an einer Daubenkanne und einem gedrechseltem Becher Reste von Honig entdeckt. Dieser wurde genommen um das Bier zu süßen.
Wir wissen von der Merowingerzeit bis zur späten Wikingerzeit, das der Bierkessel, die cupa, das Zentrum einer jeden Feier war.
Als Vedastus zu Gast bei den Franken unter Clothar war, wurde sein Blick sofort von dem großen Bierkessel gebannt. Er stand in der Mitte des Kreises. Bemerkenswert ist, daß der Gastgeber (nicht König Clothar sondern sein Gefolgsmann Hocin) sich dessen bewußt war, daß seine Gäste eine religiös gemischte Gesellschaft waren: Vedastus, Clothar und einige der fränkischen Edlen waren Christen, doch ein Großteil der Gäste waren Heiden. Deswegen ließ Hocin zweierlei Biere brauen: ein gewöhnliches Bier und eines das „auf heidnische Art geweiht war“. (VII alia christianis alia vero paganis obposita hac gentile ritu sacrificata)
Die Alamannen feierten auch um so eine cupa herum. Das zeigt die Vita des Missionars Columban:
(Er nennt die Alamannen bei Bregenz Sueben und merkt an, daß getaufte und nicht getaufte um den Kessel saßen) „sie saßen um einen großen Bottich, der in ihrer Sprache cupa genannt wird und 26 Maß (20 Eimer) enthält, und er war voll von Bier, das wollten sie ihrem Gott Wodan weihen, von dem sie auch, wie andere sagen, behaupten, daß er Mercurius sei.“
Anschließend bläst der Heilige den Kessel in Stücke und der Teufel fährt hinaus – aber das ist Hagiographie.
Auch im späteren Norden war der Skapker der heiligste Ort im Haus. Das Gefäß war heilig, und sein Platz war heilig und voll von Kräften.
Wie wir sehen, war der Gebrauch von Bier nichts Alltägliches. 

Doch  das Bier war nicht nur eine Domäne der Heiden:  In der Lex Alamannorum steht: „Servi enim ecclesiae tributa sua legitime reddat: XV siclas de cervisa, porco valente (…)“ (XXI)
Der Gesetzestext sagt nichts anderes aus, daß man den Dienern der Kirche XV Eimer Bier   zur Verfügung stellen soll.  (Unter Recesvinth gab es ein westgotisches Gesetz, daß alle (gotischen) Weinberginhaber zu Abgaben zwang.)
Germanische Trinkgewohnheiten wurden in der Völkerwanderung auch von anderen übernommen:
Priskos hat uns eine Beschreibung der Gastmahlgebräuche an Attilas Hof  gegeben. Vergleicht man die von ihm beschriebenen Trinksitten mit den byzantinischen und den nordischen, so wird deutlich, daß die Hofetikette an Attilas Hof sehr germanisch war und daß sich bis zur Wikingerzeit wenig verändert hat.
Das erste was Priskos machen mußte nachdem er Attilas Halle betreten hatte war den Becher mit einem guten Wunsch zu leeren. Nachdem das Gastmahl begonnen hatte, trank Attila seinen Gästen zu. Jeder der geehrte wurde stand auf und trank auf den Khan. Erst als alle Heilwünsche bekommen hatte wurde die erste Schüssel hereigetragen. Zwischen jeder Mahlzeit wurde das Trinkritual wiederholt.

Doch nicht immer herrschte die von Tacitus beschriebene Maßlosigkeit. Sidonius Apollinaris schreibt über den Westgotenkönig Theoderich II : „Dem Geschmack wird ohne Beihilfe fremder und kostbarer Üppigkeit genügt, Größe und Zahl der Becher Weines sind mit strenger Rücksicht auf die Gesetze der Mäßigkeit bestimmt, und das ehrfurchtvolle Stillschweigen während der Mahlzeiten wird nur durch ernstes und lehrreiches Gespräch unterbrochen.“ Hier scheint schon der weise König des christlichen Mittelalters durch.
Ein anderes Bild zeigt uns Gregor in seiner fränkischen Geschichte: „Nach dem Gelage blieb man noch nach Sitte der Franken sitzen, wie man vorher gesetzt worden war. Sie tranken viel Wein und wurden so berauscht, daß auch ihre Diener endlich im Rausche in den Ecken und Winkeln es Hauses, wo gerade ein jeder hinsank, einschliefen“ (X 27) Man kann den Franken nicht nachsagen, daß sie ungütige Herren waren! Auch Sidonius Apollinaris kann anders:  „Nie hat es etwas Zänkisches, Säuferisches, Speierisches /Gefräßigeres (vomacius oder voracius?) gegeben!“ Gemeint sind die Burgunder.
Aber man soll nicht zum trügerischen Schluß kommen die Trunkenheit sei ein heidnisches oder weltliches Problem. Wir haben keine zuverlässige Angabe wie viel die germanischen Männer getrunken haben, doch haben wir erkannt, daß Alkohol nichts alltägliches war. Dies war bei den Mönchen nicht so! Jedem Ordensbruder stand am Tag 1,5 Liter Wein oder Bier zu! Da konnte Columban zu so viel Mäßigung raten wie er wollte – seine Brüder lebten mit satten 6000 Kalorien am Tag sehr gut!
In Le Mans würzten die Kanoniker an Feiertagen ihren Wein mit Fenchel-,Minze-und Salbeiaroma.
Funde von kleinen Löffelsieben zeigen, daß die Alamannen ihren Wein auch gewürzt haben. Wein war Importware aus Rom und der Eigengeschmack entsprach nicht dem alamannischen so daß man mit Gewürze nachgeholfen hat. Große Fürsten demonstrierten ihre Macht indem sie mediterrane Trinkkultur imitierten. Dann wurde aus fränkischem Glas gallischer Wein getrunken. 
Doch hat mit der Romanisierung der Germanen Wein das Bier verdrängt? Keineswegs:  Isidor schreibt in seinen Etymologien, daß die Westgoten den Hopfen in Spanien einführten (außerdem führten sie Spinat und Artischocke ein). Das ist interessant, da die westgotischen Adligen Weinbergherren waren, Öl produzierten, Apfelbäume besaßen aus denen sie Cidre machten – also sehen wir hier ein hohes Maß an klassischer Kultur. Trotzdem hielt man dem Bier die Treue. In Italien heißt Bier heute noch Birra – offenbar ein langobardisches Lehnwort.
In den Funden von Trossingen fand man heraus, daß die Feldfalsche mit honiggesüßtem und hopfengewürztem Bier gefüllt gewesen war. Das Nachbrauen ergab ein starkes Bockbier

!

Diesen alkoholischen Traktat mag ich mit dem Gedicht „de conviviis barbarorum“ beenden:

Inter: „hails Goticum! Skapja matjan jah drinkan!“
Non audit quisquam dignos educere versus.
Calliope madido trepidat se jungere Baccho,
Ne pedibus nom stet ebria Musa suis.

Unter “Heil ihr Goten! Schaffe zu essen und zu trinken!
Kann kein Mensch ordentliche Verse machen.
Kalliope scheut sich, dem triefenden Weingott sich zu gesellen,
bangend, die Muse möchte, berauscht, nicht mehr auf den eigenen Füßen stehen können.





















Germanische Musik

"Ich habe sogar erlebt, wie die Barbaren jenseits des Rheins wilde Lieder sangen."  Julian Apostata

Wie viele Assoziationen weckt das Wort „germanische Musik“? Jeder der glaubt eine Meinung über die Germanen zu haben, wird sein eigenes Bild über „germanische Musik“ haben. Genau das macht die Thematik nicht leichter, sondern sehr schwer. Erschwerend kommt hinzu, daß seit 1945 die Forschung zu diesem Thema nicht mehr existiert. Weder Historiker noch Musikwissenschaftler scheint das Thema zu interessieren. Während es im Dritten Reich zu einer Hochkonjuktur zu diesem Thema kam, darbt es heute vor sich hin. Dabei gibt und gab es so viele verschiedene Vorstellungen zur „germanischen Musik“. Im Dritten Reich neigte man die Musik der Germanen ins Mittelalter, in die neuzeitliche (nordische) Folklore auszudehnen. Man behauptete die Germanen hätten den Moll-Ton erfunden und hätten polyphone Chorale gehabt. Doch nicht viel besser verhält es sich heute zum „germanischen Liedgut“. Germanenrock, Wikingermetal, Paganfolk usw. vermitteln das Bild/ den Ton sie würden „Ahnenmusik“ betreiben. Dabei bedienen sie sich verschiedener Zutaten: Weltmusik, pseudomedievale Musik, Klassik, epische Filmmusik und folkloristische Elemente verschmelzen zu einer episch archaisch wirkenden Musik, die einen von Kriegern und alten Zeiten träumen läßt. Doch mit der alamannischen Realität hat diese Musik genau soviel zu tun wie Richard Wagners „Ring der Nibelungen“!
Was sind unsere Quellen? Wieder greifen wir auf die drei Säulen unserer Forschungen zurück: Schriftquellen, Bildquellen und archäologische Funde. Problematischer wird es mit der geographischen sowie zeitlichen Eingrenzung. Ist spanisch/westgotische Musik germanisch? Ist karolingische Musik noch germanisch oder schon christlich? Wann endet die „germanische Musik“? Natürlich nicht abrubt. Sie mündet in die mittelalterliche Epik hinein. Doch um klare Grenzen zu haben werden wir das Ende mit der Karolinger- und der Wikingerzeit ansetzen.