Krieger und Kriegerethik


Entweder werden wir ganz Italien besitzen, um dessentwillen wir hergekommen sind, oder es ist uns allen nur geblieben, hier ruhmlos zu sterben.“ Der alamannische Herzog Butilin nach Agathias
Germanen und Krieger: Kaum kann man diese zwei Begriffe voneinander trennen. Natürlich hatten sie auch ein Leben in Frieden – doch schon Tacitus meinte, daß sie dieses Leben träge und faul machen würde. Schon die Herkunft des Namens „Germanen“ kann in einer der vielen Lesungsformen als „Speermänner“ übersetzt werden.

 Doch lassen sie sich von dieser Übersetzung nicht beeinflussen. Ganze Generationen von Linguisten, Historikern und Etymologen haben sich den Kopf zerbrochen um die Herkunft des Germanennamens heraus zu finden. Es ist nicht einmal bekannt ob der Name germanischen Ursprungs ist oder, wie manch einer mutmaßt, es sich um eine Fremdbenennung handelt. Wir wollen in diesem Artikel nicht näher drauf eingehen.

Bleiben wir bei der netten Vorstellung der „Ger-Männer“. Wir hätten eine Parallele in der Antike: Die alte Bezeichnung für die römischen Bürger hieß Quiriten. Die Bedeutung ist zwar auch nicht ganz klar, doch die Interpretationen variieren nicht so stark. Eine der Lesungen ist „Mitglieder der Wehrgemeinschaft“ – und die waren im frührepublikanischem Rom mit Speere bewaffnet. 

Krieg und Geschichte

Der englische Militärhistoriker Michael Howard beginnt sein Werk „Der Krieg in der europäischen Geschichte“ mit den Worten: Europa wurde auf dem Amboß des Krieges geschmiedet. Hat er recht? Auch wenn es heute politisch nicht korrekt erscheint muß man diese Frage ganz klar bejahen! DieGeschichte Europas ist die Geschichte seiner Kriege. In allen indogermanischen und mediterranen Kulturen nehmen Kriegsgötter stets eine dominierende Rolle ein. Mag sein, daß manch einer von „friedlichen“ Kulturen in der frühen Bronzezeit träumt, doch 1. Befinden wir uns dort nicht in historischer Zeit und somit im Reich der Spekulation; 2. liegt Kampf, Verteidigung und die Lust Beute zu machen in der Natur des Homo Sapiens Sapiens.
In der frühen Antike überließen Autoren wie Herodot (484-424 v.Chr.) oder Thukydid (460-400 v.Chr.) den Kriegen viel Raum in ihrem Werk. Weiter ging es mit Polybius (210-120 v.Chr.) und Tacitus meinte gar, daß Geschichte ohne Kriege eine beschwerliche Sache sei.  Doch ist es keine europäische Singularität: Einer der großen Militärstrategen kam aus China: Sun-Tzu (400-320 v.Chr.) schrieb ein ganzes Werk über Kriegsführung und Strategie.  Man braucht nur den Blick über Europas Landschaften streifen zu lassen: Burgen, Wälle, Schanzen u.a.m. zeugen von einer kriegerischen Vergangenheit. Nach Berechnungen sowjetischer Fachleute gab es während der vergangenen 5500 Jahre mehr als 14.000 kleine und große Kriege, in denen über 3600 Mio. Menschen getötet wurden. Seit dem Jahr 3600 v.Chr. hat die Welt nur 292 Friedensjahre erlebt – dafür aber 14.531 Kriege. Seit 650 v.Chr. hat es 1656  Aufrüstungsperioden gegeben, von denen nur 16 nicht in einem Krieg mündeten. Doch was ist Krieg? Und gibt es eine lineare Geschichte des Krieges? Clausewitz schrieb: Krieg in seiner eigentlichen Bedeutung ist Kampf, denn Kampf ist allein das wirksame Prinzip in der mannigfaltigen Tätigkeit, die man in der weiteren Bedeutung Krieg nennt. Dagegen konkretisiert der Amerikaner  Quincy Wright: Der Krieg ist ein Zusammenstoß von Feinden an dem mindestens 50.000 Kombattanten beteiligt sind. Würden wir für unser Thema seine These übernehmen, so hätte es in der Merowinger- und Karolingerzeit kaum Kriege gegeben. Die angel-sächsischen Gesetze nennen schon kleinste Gruppen bewaffneter ein Heer. Also waren die Kriege der Jahrhunderte zwischen Roms Untergang und den großen mittelalterlichen Schlachten (z.b. Lechfeld) keine Kriege, sondern Auseinandersetzungen zwischen Banden?  Auch die Opferzahlen der Kriege in der Antike oder des Mittelalters sind nicht vergleichbar, mit denen späterer Zeiten. Sogar in den letzten zwei Jahunderten gab  es eine Opferzahlensteigerung von  3000%!!! Während in den napoleonischen Kriegen am Tag durchschnittlich 233 Menschen starben, waren es im Krimkrieg schon 1075 um dann im 2.Weltkrieg bei einem Durchschnitt von 7730 Menschen am Tag (ohne Hiroshima gerechnet)  zu enden. Natürlich werden von antiken Autoren auch gewaltige Schlachten beschrieben, doch muß man die Zahlen nicht so genau nehmen und man muß bedenken, daß sich Krieg in der Antike auf einen relativ kurzen Zeitraum beschränkte. Selbst wenn man im Kriegszustand war, so hieß es nicht, daß andauernd die Waffen sprachen. (Übrigens ein Zustand der sich bis heute nicht geändert hat: Der hundertjährige Krieg, der dreißigjährige Krieg, der „stille“ Krieg nach Frankreichs Kriegserklärung 1939 bis 1940, ja man sprach sogar von einem „Kalten“ Krieg – und in diesem Krieg haben die Waffen nie gesprochen!)  Technisch gesehen kann man den Krieg also nicht sehr greifbar machen. Und linear? Wir haben gesehen, daß die Kriege in der Geschichte immer gewaltiger wurden. Doch kann man diese Tatsache nicht einfach überall gelten lassen.

Während Leonidas in den Thermopylen gegen eine Milllion Perser gestanden haben soll, kann man solche Zahlen im Norden Griechenlands zu jener zeit vollkommen verwerfen. Und während in Europa und der Welt der Kalte Krieg herrschte, führten die indigenen Stämme Indonesiens 1960 noch archaische  Kriegsrituale um Feinde von Kampfhandlungen abzuhalten. Also können wir getrost mit Spengler erkennen, daß wir keine saubere historische Kontinuitätslinie haben. Die Geschichte Europas ist nicht die Geschichte Asiens usw.
Somit können wir auch einiges der clausewitz’che Kriegsgesetze auf die Alamannen bzw. Germanen  übertragen, doch sehr viel auch nicht.

Die Germanen im Kampf

Während die allgemeine Kriegsgeschichte keine klare Linie hat, kann man in den Kriegstraditionen der germanischen Völker eine klare Kontinuität erkennen.  Tacitus berichtet schon von der keilförmigen Kampfaufstellung. 1100 Jahre später erzählt Saxo Grammaticus, daß Odin selbst den Wikingern den Eberkopf –eben jene Keilformation- beigebracht hätte. Natürlich entwickelt sich ein Volk in tausend Jahren. Es gab Evolution, aber keine Revolution. Im Mittelalter kam schwere Kavallerie auf (man besann sich auf die Römer) und das gesamte Kriegswesen veränderte sich. Doch kann man getrost sagen, daß sich die „Germanen“ – ob sie Cherusker oder Isländer waren – hauptsächlich auf Speer, Schild und leichte Reiter verließen. Also können wir eine bestimmte Traditionskontinuität erkennen. Das macht die Arbeit mit dieser Materie natürlich einfach. Einerseits. Anderseits macht gerade das die Arbeit mit der germanischen Kriegsgeschichte schwer. Wir haben ähnliche Zustände, doch müssen wir wegen der klammen Quellenlage von Polybius bis in die Sagazeit alles als Quelle nutzen. Einerseits erlaubt uns diese Traditionskontinuität so zu arbeiten, anderseits muß man mit dem historischen Material sehr vorsichtig umgehen und genau prüfen.

Waren die Germanen und Alamannen tatsächlich kriegerischer als andere? Was die Alamannen betrifft, so werden sie in der Spätantike des öfter als „Feinde des Erdkreises“ genannt. So einen Ruhm erlangt man nicht durch Ackerbau! Der Kampf war eine dauerhaft vorhandene Komponente im germanischen Leben. Keine Sage, keine Mythe vergeht nicht ohne Kampf, Mord und Totschlag. Im Frieden verfielen sie laut Tacitus dem Müßiggang. Erhaben waren die Helden die im Kampf sich Ruhm erworben hatten. Sie waren das Vorbild für die Jugend. Die germanische Gesellschaft war eine durchaus kriegerische. Sie war in Gaue auf denen Hundertschaften wohnten eingeteilt. Das hieß: Dieser Gau bringt hundert wehrfähige Männer mit in den Krieg. Erst im Zuge der Karolingerzeit wurde aus dem militärischen Hundertschaft eine  politische Verwaltungseinheit. Doch so kriegerisch die Germanen waren, so waren sie weder straff organisiert oder auf dem Feld hierarchisch aufgeteilt.

„(…) so befehligen auch die Führer mehr durch ihr Beispiel als durch Machtbefugnis, wenn sie voranleuchten, der Schlacht vorankämpfen, kraft ihrer Heldengröße.“ (Tacitus)
In der Feldaufstellung stand der König/Herzog an der Spitze des „Eberkopfes“. Dies war germanische Selbstverständlichkeit. Ein Herrscher der sein Volk nicht im Kampf anführen konnte war heillos. Dicht bei ihm war seine Gefolgschaft – die Elitekämpfer jener Zeit. Verwandte kämpften immer zusammen.





Die Schlacht in Straßburg :