Kultur:

Die Kultur der germanischen Stämme

Landwirtschaft:


„Saatfrucht gedeiht dort, Obstbäume kommen nicht vor, Vieh gibt es viel, aber meist gedrungenen Schlages. Selbst die Rinder haben nicht ihren eigenartigen Schmuck und stolz der Stirne; an ihrer Menge hat der Germane seine Freude; es ist dies sein einziger und beglückendster Reichtum.“ (Tacitus)
Von was lebten die wilden Nachbarn der Römer? Was kam aus den Äckern und auf die Teller der Friesen, Franken, Markomannen, Goten, Gepiden und Alamannen?
Wegen der klimatischen Verhältnisse und dem kulturellen Hintergrund war die Viehzucht das Hauptstandbein der germanischen Landwirtschaft. Die Weiden Germaniens galten als unübertroffen: Plinius führt sie als Beleg dafür an, daß keineswegs fetter Boden die Güte der Weide bedinge: denn gleich unter ganz dünner Rasendecke gerate man hier auf Sand (Plinius XVII, 3). Der geneigte Leser wird hier wohl die niederdeutschen Ebenen erkennen.



Ein  großer Hof in Norddeutschland

Viehhaltung



Die Knochenfunde von Feddersen- Wierde






Merowingerzeit






Zum Vergleich die spätere Zeit.


Ackerbau






Merowingerzeit




















Bekleidung und Erscheinung:


„Noch unmäßiger als gewöhnlich wüteten sie, so daß sich ihre Haare flatternd sträubten, und aus ihren Augen leuchtete eine Art Wahnsinn.“ (Ammianus Marcellinius)
Nichts hat über die Jahrhunderte die Fantasie der Künstler so beflügelt wie das Aussehen der Germanen. Viele der Stereotype sitzen bis heute noch tief im Bewußtsein der Menschen. Hörnerhelme, Flügelhelme, Felle, Rauschebärte oder Frauen mit Brünnen und langen blonden Zöpfen. Natürlich haben die Germanenromantik des Kaiserreiches oder Richard Wagners „Ring der Nibelungen“ einiges dazu beigetragen. Doch müssen wir den Menschen vergangener Zeiten zu Gute halten, daß sie nicht auf so eine Fülle archäologischer Kenntnisse zurückgreifen konnten wie unsereins. Doch heute gibt es zwei Neigungen die gerade zum anderen Extrem tendieren. Bärtige und Fellbekleidete Barbaren sind tabu oder man stützt sich ausschließlich auf Fundkomplexe. Diese archäologische Betriebsblindheit hat schon zu äußerst seltsamen Erkenntnissen geführt. Hier wollen wir auf Grundlage von Grabfunden, bildliche Darstellungen und historischen Berichten ein einigermaßen (und trotzdem lückenhaftem) rundes Bild von dem Aussehen und der Kleidung der Germanen und speziell der Alamannen.

Anthropologie und Physiognomie

Selten haben sich Völker selbst beschrieben. Die Ethnologen haben Interesse an den fremden Rassen und Ethnien. So liegt es auf der Hand, daß die meisten ethnologischen Beschreibungen von Menschen herrühren die eine fremde Kultur beschreiben. Griechen und Römer beschrieben die „Barbaren“ und  „Skythen“. Spanier beschrieben die „Indios“ in „West-Indien“. Franzosen und Engländer schrieben Werke über Stämme in Afrika und Völkerkundler aus Sankt Petersburg beschrieben die vielen Rassen und Völker des russischen Riesenreiches. Die Sicht aus der Fremde hat Vor-und Nachteile. Sie ist zwar objektiv aber kann schnell in stereotypische Topoi verfallen.
Wir können uns einerseits auf die Berichte der römischen und griechischen Chronisten stützen, sie hinterfragen und beleuchten, anderseits auf die Fülle von gefundenen Skeletten.
Schon Caesar berichtet die Germanen seien größer und blonder als die Gallier. Diese Klassifizierung wird uns bis in die Spätantike verfolgen. Germanen sind blond oder (ganz besonders) rothaarig, groß und wuchtig im Körperbau. Doch auch in neuerer Zeit haben sich Wissenschaftler mit dem Körperbau der Germanen befaßt. Doch dies unter einem nicht so erfreulichen Stern. Der Nationalsozialisten haben in ihrem Rassenwahn der anthropologischen Germanenforschung viel Raum geschenkt. Besonders die Schädelvermessung war sehr gängig. Doch bei den Kreisen um SS und Ahnenerbe ging es weniger um Archäologie, sondern um die Wertigkeit eines lebenden Menschen. Dies brachte nach 1945 die Schädelvermessung in Verruf. Wenige Forscher wagten es, die Langschädeligkeit der Germanen anzusprechen. Für Seriöse Archäologen ist der Lang-und Kurzschädel heute wieder ein Unterscheidungsmerkmal. Auch die Körpergröße spielt eine Rolle in der Differenzierung von Romanen und Alamannen. Doch soll man nie zum Trugschluß kommen, daß groß und langschädelig gleich „Alamanne“ heißt!

Hier eine Tabelle mit Erkenntnissen die Roderich Straub mal veröffentlicht hat:

Prozentuale Zugehörigkeit zu den drei Schädelformen nach Beigabengruppen

Alamannen (aus unter a. Hailfingen, Mengen, Oerlingen, Aaardorf etc.)

                                                                                          Langschädel          Mittelschädel            Kurzschädel

Tote ohne  oder mit einfachen Beigaben              37%                       41%                               22%
Tote mit reicheren Beigaben                                        63%                       27%                              10%

 

Individuen aus Kaiseraugst A

Tote mit einfacheren Beigaben                                 16%                           52%                             32%
Tote mit reicheren Beigaben                                      28,5%                       28,5%                          43%

 

 

Durchschnittliche Körpergröße

                                                                                                 M                                                   W

Alamannen mit reicheren Beigaben      171,9                                             160,9
Kaiseraugst A einfachere Beigaben        166,7                                             154,3

Solche Studien sind in der Alamannia von hohem Interesse um heraus zu finden wie viel Kontinuität es bei der voralamannischen Bevölkerung gab.
Wenn man die nüchternen Zahlen ließt sieht es nicht aus, als ob die Alamannen riesen gewesen wären. Doch bedenken sie, werter Leser, hier handelt es sich um Durchschnittswerte. Die größten Alamannen in den untersuchten Gräbern waren 2 Meter groß! Der größte Römer 1,82m. Bei den Frauen verhält es sich ähnlich: Die größte alamannische Frau war 1,79 m groß und die größte Römerin war 1,66m.
Was ist also dran wenn Ammianus die Alamannen aus kräftig und hochgewachsen beschreibt? „Alamanni robusti et celsiores“. Doch nicht nur er: Tacitus beschreibt die Germanen mit blauen Augen, rote Haare und riesige Leiber. Bei Eusebius finden sich blonde Barbarenkinder, bei Claudian blonde langhaarige Sueben und blonde Alamannen; bei Synesius und Hieronymus blonde Goten; und die Franken werden bei Priskos, Hieronymus, Claudian, Sidonius Apollinaris blond oder rothaarig beschrieben. Passend zu den blonden Haaren gibt Sidonius den Sachsen und Herulern blaue Augen – was schon Tacitus vor ihn machte. Doch sind diese Stereotypen nicht neu. Schon die Gallier wurden bei Livius und Diodor („Die Gallier haben einen hohen Wuchs, einen kraftvollen Körper und eine weiße Haut. Ihre Haare sind nicht nur von Natur aus gelb (…)“) mit solchen Eigenschaften belegt.
Wir können zu diesen Aussagen die Moorleichenfunde zur Seite legen: Können die erhaltenen Haarreste diese Aussagen bestätigen oder waren die Germanen gar nicht so blond wie es die Römer behaupteten? Immerhin muß einem mediterranen Autoren schon ein Anteil an Blonden innerhalb einer Ethnie auffallen! Was sagen uns die Funde? Der Mann von Osterby war ein blonder, etwas melierter Mann. Der Mann von Dätgen war hellblond. Das Mädchen von Windeby war ursprünglich blond. Der Name vom „roten Franz“ verrät schon alles. Also scheint es sich nicht um antike Stereotype zu handeln, sondern um Fakten. Interessant wäre es zu erfahren in wie fern sich diese Physiognomie in Zuge der Völkerwanderung erhalten hat. Sahen die Vandalen in Karthago noch so aus wie sie in ihrer Urheimat an der Ostsee? Erkannte man einen Sueben in Spanien an ihren Haaren oder an ihrer Kleidung? Auffällig ist, daß z.B. Sidonius Apollinaris bei seiner akribischen Beschreibung vom Westgotenkönig Theoderich II mit keinem Wort seine Haare oder Augen erwähnt hat. Sah man keinen Unterschied? Oder waren blonde Haare inzwischen nichts mehr besonderes im Süden, da das ganze Land schon überschwemmt war mit Westgoten, Sueben, Burgunden, Ostgoten, Skiren und Franken? Auch Victor von Vita, der sich über die Vandalen sehr ausführlich ausläßt, erwähnt mit keinem Wort etwas über körperliche Merkmale.
Doch steht eines fest: Die Römerin (und der Römer!) liebten Perücken aus blondem Germanenhaar. Es gab einen schwunghaften Handel mit dieser begehrten Ware. Sogar Kaiser Caracalla wollte sich bei seinen germanischen Leibwächtern einschmeicheln, indem er sich „gelbes Haar“ aufsetzte (Herodian). Oder Kaiser Gallienus, der um seiner markomannischen Frau zu gefallen, blondes Haar trug.


Haar-und Barttracht


Germanen waren langhaarig und bärtig“ So leicht kann man sich es machen. Auch auf historischen Festen sieht man die meisten Germanendarsteller mit langen Haaren. Und das Publikum liebt „seine“ Germanen so! Schon zu Kaisers Zeiten wußte man von den Rauschebärten der Germanen. Doch die Germanenromantik der Neuzeit steht mit ihren Flatterhaaren dem im nichts nach.

Völkerwanderungsdarstellung 1890

Interessant ist, daß zwischen der Weimarer Republik und den sechziger Jahren die Haare der Germanen auf Abbildungen kürzer wurden und sie oft bartlos waren (z.b. Wolfgang Willrichs Germanenbilder). Also ist das Bild der Geschichte auch immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Doch was ist nun mit den barbarischen Frisiergewohnheiten? Hier können wir ziemlich früh ansetzen. Die Archäologie hat uns aus der Bronzezeit und der frühen Eisenzeit in Norddeutschland und Dänemark sehr viele Rasiermesser ausgegraben. Auch die Moorleichen sind erstaunlicherweise bartlos. Lediglich der Mann von Tollund hatte einen Dreitagebart – der vielleicht auch posthum gewachsen sein soll. Also waren die Germanen bartlos? So einfach ist es nicht: Die Fülle an Rasiermesser stammt aus der Zeit zwischen 1400 v.Chr. und 200 v.Chr. Was hatte sich geändert? Manche Archäologen mutmaßen man hätte sich dann die Barthaare mit den in Massen gefundenen Pinzetten ausgerupft. Diese These wird jeder bärtige Mann wohl kräftig hinterfragen. Besonders weil es diesen Forschern nicht in den Sinn kommt, daß man Pinzetten ja auch für andere Dinge nehmen kann! Also warum verschwinden die Rasiermesser? Hat es mit dem Ende der Wärmeperiode zu tun. Die Bronzezeit war eine warme und recht friedliche Zeit. Im Zuge der Eisenzeit kam es zu einem Temperaturniedergang. Auch wurden die „Zeiten“ unruhiger: Kelten ziehen durch ganz Europa, Römer erobern nach und nach die Küsten des Mittelmeers, Kimbern und Teutonen ziehen von ihrer Heimat fort und treiben Ziellos durch Europa. Die folgende „Pax Romana“ war nur ein innerrömischer Trugschluß. Rom erkaufte sich Wohlstand mit viel Blut an seinen Grenzen; und außerhalb dieser Grenzen war das Leben nicht mehr ruhig und beschaulich. Waffenfunde häufen sich. Ist der bärtige Mann ein kriegerischer Mann aus einem feucht-kaltem Klima?
Bart und Haartracht war oft ein Trennungsmerkmal. So differenzier(t)en sich Völker von einander oder Kasten unter einander (siehe Juden, Kastensystem in Indien, Amish-People, Situler oder Chazaren). Für die antiken Autoren war die wilde Haar-und Barttracht der Germanen ein typisches Topos welches von Autorengeneration zu Generation gerne übernommen wurde. Hier der kultivierte kurzhaarige (oftmals bartlose) Römer, dort der wilde Germane der „instinktiv und animalisch“ (Pohl) kämpft.
Auf was können wir uns stützen? Wieder haben wir die drei Säulen: Schriftliche Quellen, bildliche Quellen und archäologische Funde.

    Spätantike Germanendarstellung            Germanendarstellung in der Bibel von S. Paolo


Suebenknoten


Handwerk

Holzhandwerk


Der Fallwardthron aus Norddeutschland (4-5. Jahrhundert)


Ein Stuhl aus  Oberflacht (Merowingerzeitlich)




Die Trossinger Leier (Merowingerzeitlich)



Knochenschnitzerei



Knochen und Geweih ist neben Stein der älteste harte Werkstoff, der von der Menschheit verarbeitet wurde. Neben Werkzeugen wurden such Schmuck und anderer Güter aus Knochen oder Geweih hergestellt. Hier geht es hauptsächlich um Rekonstruktionen der Spätantike (ca. 390-420 n. Chr.) aus dem alamannischen Siedlungsgebiet



Material und Herstellung


Die Platten werden einzeln gefertigt und in Form gebracht. Danach werden Sie miteinander mit Bronzestiften vernietet und in die endgültige Form gebracht. Danach folgt die Verzierung durch einritzen der Muster und ausfüllen der Vertiefungen mit einer Mischung aus Wachs und Holzkohle. Die Zinken werden als allerletztes gesägt.
Als Material wird hier hauptsächlich mit Elchgeweih (Álces álces) gearbeitet. Aber auf andere Materialien wie Knochen und Hirschgeweih oder Horn sind verwendetworden

Kämme


Es gibt zwei Grundformen von Kämmen. Der Einlagen- und der Dreilagenkamm. Die äußeren Konturen lassen auf Herkunft und Zeitalter schließen. Die hier gezeigten Kämme sind alles Dreilagenkämme. Die doppelreihigen Kämme, einer mit Futteral sind in Lauricaneum gefunden worden. Der Dreieckshirschkamm ist aus Altendorf. Der Pferdekopf-Kamm ist eine ostgermanische Arbeit.